Neue Story online

Hi folks,

eine neue Story ist oben:

Gegen die Schwerkraft

8.8.10 18:52, kommentieren

23.07.2010

Hi folks,

und wieder ist eine neue Erzählung online:

http://home.arcor.de/kurzprosa-hinz/

Viel Freude damit.


Ihr



Ulrich P. Hinz

Samstag ist ein herrliches Gefühl

23.7.10 10:45, kommentieren

Neue Erzählung

Hi folks,

auf der Page, auf der mein neues Buch online entsteht, ist eine
neue Erzählung dazu gekommen.

Have fun with it ...

Uli

Zwischen Kioskromantik und Stringtheorie

4.7.10 17:30, kommentieren

Neue Texte

Hi folks,

es sind drei neue Erzählungen auf der Seite, auf der mein
neues Buch entsteht, hinzugekommen! Folgen Sie bitte dem Link!

Viel Freude damit.

Ihr

Ulrich P. Hinz

Neue Texte

1 Kommentar 6.6.10 15:14, kommentieren

Volles Rohr Jimi Hendrix

***
Wenn die Vergangenheit dich einholt, ist es meistens zu spät. Er saß am offenen Fenster und betrachtete die Straße. Gegenüber war die Bushaltestelle, in der die Penner immer saßen. Gleich daneben ein Supermarkt. Die Straße hatte Löcher. Der Morgen zerfiel. Er hatte noch nicht gefrühstückt. Bloß drei Tassen Kaffee. Vier Zigaretten. Sein Magen brannte. Es war ein Samstag. Sonne war keine da. Für einen Frühling war es zu kalt. Der Straßenlärm störte ihn gewohnheitsmäßig wenig. Eine dicke Frau kam mit zwei vollgepackten Tüten aus dem Supermarkt. Die Schwerfälligkeit in jeder Bewegung. Ihr folgte der erste Penner des Morgens. Ein junger Kerl in schwarzen Klamotten. Dünn wie Stroh. Mit zwei Bierflaschen in den Händen. Er schlurfte zur Haltestelle. Hockte sich auf die Bank und stellte eine Flasche neben sich. An die andere setzte er ein Feuerzeug. Plopp. Den Deckel schnippte er auf die Straße. Leerte die halbe Flasche auf Ex. Lehnte sich zurück an die Glaswand. Goss nach. Er kannte diesen Kerl. Der kam aus der Klapse, die nur einen Block entfernt lag. Die meisten kamen daher. Und eigentlich kannte er sie alle. Vom Sehen. Diesen nannte er Black Crow. Weil er ihn an den Film erinnerte. Lag wohl auch an den schwarzen Klamotten. Den schwarzen, halblangen fettigen Haaren. Ziemlich kaputter Typ. Schwerer Junkie. Jetzt wohl auf Polamedon. Und an der Flasche. Für einen Samstag war er früh dran.

Von rechts kam ein Martinshorn näher. In der Kaffeemaschine war noch mindestens eine Tasse. Er ging in die Küche. Sein Blick stolperte auf den Brotkasten. Aber er wollte nicht essen. Wobei sein Magen Hunger für zwei hatte. Er machte den Kaffeepott voll und stellte die Maschine ab. Als er zurück ans Fenster kam, war die Kleine von Black Crow angekommen. Die war süß. Sie stritten wie die Teufel. So laut, dass er durch den Verkehr sogar einige Worte verstehen konnte. „… ist doch Scheiße …“ „…Ey Alter, ey …“ Und plötzlich stand die Kleine auf und knallte ihm voll eine ins Gesicht. Der Krähe fiel die Bierflasche aus der Hand. Er versuchte, die Kleine zur Seite zu schieben. Wollte nach der Flasche greifen. Verlor das Gleichgewicht und klatschte auf dem Boden. Blickte ein paar Sekunden benommen vor sich hin. Entdeckte die Falsche. Nahm sie. Die Kleine hob ihn auf. Setzte ihn auf die Bank zurück. Fing an, ihn abzuküssen. Setze sich auf seinen Schoß und drückte ihn fest an sich. Ein Polizeiwagen schoss vorbei.

Es war unwiderruflich Mittag geworden. Er setzte einen neuen Kaffee auf. Schaltete das Radio an. Schmierte ein Brot. Nahm eine Flasche Bier aus dem Kühlschrank. Öffnete sie. Während der Kaffee durchlief. Brot und Bier. Kaffee hinterher.
In der Haltestelle saß der Dicke mit den Krücken. Der war hier im letzen Jahr besoffen auf die Straße gefallen. Ein Taxi hatte ihn voll erwischt. Seitdem fehlt ihm ein Bein. Der nackte Bauch grinste untern dem viel zu kurzen T-Shirt hervor. Bei der Kälte. Er trank nur Korn. Die Billigmarke aus dem Supermarkt. Wie der mit seinem einen Bein immer wieder nach Hause kommt, bleibt ein Rätsel. Aber heute schien er nicht in Form zu sein. Die Flasche war erst halb leer. Er steckte sie in die Hosentasche, nahm die Krücken und hievte sich hoch. Wackelte langsam davon. Die Sonne kroch halbherzig durch die Wolken. Im Supermarkt war einiges los. Es schien ihm, als ob die Menschen Angst haben, den Sonntag nicht zu überleben, wenn sie am Samstag nicht ihr sauer verdientes Geld in den Supermarkt tragen. Sich Notreserven zulegen. Scheint noch vom letzen Krieg zu kommen.
Er holte sich ein neues Bier. In der Wohnung über ihm ging die Stereoanlage los. Volles Rohr Jimi Hendrix. Er mochte Jimi. Nahm das Saxophon aus der Ecke und blies ein paar Tonleitern. Rauf und runter. Kleine Sieben. Große Sieben. Triller hier. Quietschen da. An Jimi kam er nicht ran. Gab schließlich auf. Stellte es zurück auf den Ständer. Drehte eine Zigarette. Knipste sie an und setzte sich wieder ans Fenster.
Die Hexe war da. Die trug immer bunte Kleider. Eine Armeejacke drüber. Hatte feuerrote Haare. Und pöbelte jeden an, der vorbei ging. Sie schmiss Tabletten. Und reichlich Wodka. Ab einem gewissen Pegel fing sie an, zu tanzen. War sie voll, ließ sie sich von jedem begrapschen. Steckte wem auch immer ihre Zunge in den Hals. Ob die aus der Klapse kam, wusste er nicht genau. Heute trug sie ein hellgrünes Kleid. Braune Wildlederstiefel. Ein lila Halstuch. Das Outfit passte zu Hendrix. I’m a Voodoo Chile … Sie war bereits jenseits der Tanzschwelle und zog mit dem Russen davon. Die Sonne war doch noch gekommen. Der Bundesligaspieltag fing gleich an. Fußball interessierte ihn nicht mehr. Aber die Radios brüllten es raus. Er stand auf und goss den Drachenbaum und die Palme. Räumte den kleinen Tisch auf. Fing an, zu staubsaugen. Das alte Riesensofa klopfte er aus. Im Bad war es spiegelsauber. Er setzte sich auf das Klo. Glotze die Wand an und ließ es laufen. Kaffe treibt. Sagt der Volksmund. Von oben dröhnte nun irgendein Technoscheiß. Beim Händewaschen merkte er, dass es ihm egal war. Im Kühlschrank stand noch genug Bier. Gut gekühlt spielt die Marke keine Rolle. Er setzte sich an den kleinen Küchentisch und trank. Aß die Reste vom Kartoffelsalat.

Die Haltestelle war leer. Im Supermarkt ging es rund. Der Bus hielt, und ein Pärchen mit Kinderwagen stieg aus. Von rechts kam sein Lieblingspenner angedackelt. Mit der obligatorischen Plastiktüte. Ein alter Mann. Mit blauem Jackett. Mindestens 10 Jahre alt. Darunter ein Hawaiihemd. Beige Hose. Mindestens eine Nummer zu groß. Der Gürtel hielt sie oben. Die Haare waren noch recht braun für das Alter. Und in den 50ern bestimmt mal eine pomadige Elvistolle. Er setzte sich auf die Bank und kramte eine Dose Bier aus der Tüte. Alle, die hier sonst so einliefen, tranken ihr Bier oder was auch immer direkt aus der Flasche. Bei ihm war es anders. Er hatte immer ein Glas dabei. Immer in ein Stofftaschentuch gewickelt. Er packte es aus und steckte das Taschentuch in sein Jackett. Klopfte dreimal mit dem Zeigefinger auf die Dose. Öffnete sie und schenkte ein. Trank zwei, drei Schlucke, stellte das Glas neben sich. Legte ein Bein über das andere und schaute. Jeden Tag. Mindestens fünf Dosen. Alle aus dem Glas. Gelegentlich hatte er auch Kuchen dabei. Den schnitt er sich mit einem Taschenmesser zurecht. Viele Zähne waren ihm nicht geblieben. Aber Marmorkuchen ist weich. Von irgendwo grölte es. War wohl ein Tor gefallen. Dass das Wetter noch so gut wird, hätte er gar nicht gedacht. Der alte Elvis kippte das Bier in sich rein. Wollte gerade nachschenken und fing plötzlich fürchterlich an, zu zucken. Er schlug mit dem Rücken gegen die Haltestellenwand. Sein Glas fiel auf den Boden und zersprang. Er zappelte wie eine Marionette auf Ecstasy. Schlug wild mit den Armen. Rutschte von der Bank. Landete auf dem Rücken. In der Bierlache. Ruderte mit allen Gliedern wie ein Ertrinkender. Zwei junge Kerle wollten ihm helfen. Konnten aber nichts machen. Der eine holte sein Handy aus der Tasche und wählte. Elvis zappelte immer noch. Leute blieben stehen. Immer mehr. Unten im Haus grölte es wieder. Noch ein Tor? Von rechts kam ein Martinshorn näher. Wurde lauter. Der Krankenwagen. Die Leute winkten ihn heran. Er blieb vor der Haltestelle stehen. Die Sanitäter stiegen aus. Der rote Wagen leuchtete in der Sonne.

Er hatte sich ein neues Bier geholt. Der Krankenwagen stand noch da. Ein Notarzt war dazu gekommen. Stand wohl nicht gut um Elvis. Der Bundesligaspieltag ging langsam zu Ende. Er drehte sich eine Zigarette. Oben dröhnte Deep Purple. Smoke on the water … Live. Das Telefon klingelte. Gerade schoben sie Elvis in den Krankenwagen. Er zuckte nicht mehr. Ein Sani blieb hinten bei ihm im Wagen. Der andere setzte sich ans Steuer. Schaltete das Martinshorn an und fuhr los. Der Notarzt hinterher. Das Telefon hatte aufgehört zu klingeln. Er drückte die Zigarette aus. Im Supermarkt war noch einiges los. Den Elvis sah er nie wieder.

© Ulrich P. Hinz

23.4.10 07:40, kommentieren

Im Sekundenzeiger

***
Wenn du vor dem Spiegel stehst und deine Zähne putzt. Wer denkt schon daran, dass es das letzte Mal sein könnte. Er stellte die Zahnbürste zurück in die Ladestation. Spülte den Mund aus. Spuckte ins Waschbecken. Ließ Wasser nachlaufen. Grinste in den Spiegel. War bereit für den Tag. Sie saß am Frühstückstisch. Mit Blick auf die Küchenuhr. Im Sekundenzeiger. Toc –toc– toc … Der Kaffee hatte die Nacht noch nicht ganz vertrieben. Der Nebel in den Augen zog langsam. Sie nippte an der Tasse. Vereinzelte Traumbilder klopften an. Toc – toc – toc … Mischten sich ein. Übergangsphase Realität. Er steckte den Kopf in die Küche. „Schatz, ich bin dann weg.“ Sie küsste in seine Richtung. Hörte die Wohnungstür in Schloss fallen. Goss Kaffee nach. Nahm einen Löffel Zucker. Rührte ihn ein. Ticker – ticker – ticker … Der Morgen war grau. Zwischen Regen und Nichtregen. Depressives Wettergewäsch. Sie schaute aus dem Fenster. Auf den Dächern turtelten die Tauben. Sie nahm einen Schluck. Kleckerte auf das Nachthemd. Rieb es ab. Spürte ihre Brüste. Lehnte sich zurück. Und schloss die Augen. Ich bin dann weg. Hatte er gesagt. Wie jeden Morgen. Das Karussell begann sich zu drehen. Weg. Ich bin dann weg. Es tut mir leid. Sie haben das Kind verloren. Weg. Ich bin. Ob sie noch Kinder bekommen können lässt sich nicht sagen. Weg bin ich. Hoher Blutverlust. Trotz allem noch Glück gehabt. Es klingelte. Sie riss die Augen auf. Schlich zur Tür. Hörte unten eine Stimme. „Post!“ Das Klappern der Briefkästen. Dann war es wieder still. In dem kleinen Flur hing ein Spiegel. Sie stellte sich davor. Zog das Nachthemd aus. Betrachtete den Körper. Die weiße Haut. Ihre Brüste. Vertrocknetes Mutterland. Legte die Hände auf den Bauch. Sie waren kalt. Ihr Blick wurde brüchig. Das Glitzern am Beginn einer Träne.

Er saß im Büro. Auf dem Schreibtisch ein Bild von ihr. Aus besseren Tagen. Im Dialog mit dem Monitor. Er feilte an Formulierungen und Zahlen. Hakte Listen ab. Die Mittagspause stand an. Der Griff zum Handy. Schnell noch eine SMS. Tippetappetipp … An die Liebste. Dann stand er auf. Ging in Richtung Toilette. Grüßte Kollegen. Mahlzeit. Öffnete die Tür. Trat ans Waschbecken. Wusch seine Hände. Schaute in den Spiegel. Das Gesicht zeigte Blässe. Die Augenringe lagen im Normbereich. Er schüttelte die Hände aus, drückte den Knopf des Trockners und rieb sie im heißen Luftzug. Ein letzter Blick in den Spiegel. Sein Magen knurrte. In der Kantine gab es heute Lammkotelette.

Sie lag im Bett. Zusammengekauert. In den Kissen vergraben. Irgendwo piepste das Handy. Ihre Augen klappten langsam auf. Die Heizung zählte 25 Rippen. Immer wieder nur 25 Rippen. Voll aufgedreht. Sie fror trotzdem Der Traum war noch frisch. Eine Wiese ohne Ende, auf der ein einziger Baum stand. Sie lief auf ihn zu. Ihre nackten Füße auf dem Gras spürte sie kaum. Jeder Schritt klang dumpf. Wie ein Paukenschlag. Der Baum war nicht sehr groß. Aber voll belaubt. Saftige, grüne Blätter. Das Gefühl, nicht voran zu kommen, täuschte. Schließlich stand sie vor ihm. Müde. Außer Atem. In kaltem Schweiß. Sie betrachtete ihn lange. Die Blätter bewegten sich nicht. Er trug nur eine einzige Frucht. In Reichweite. Einen schwarzen Apfel. Sie griff danach. Wollte ihn gar nicht pflücken. Nur berühren. Aber schon lag er in ihrer Hand. Schwarz wie flüssiger Teer. Wunderschön. Ein schwacher Duft ging von ihm aus. Aber sie konnte sich nicht daran erinnern, woher sie diesen Duft kannte. Ihr Daumen streichelte über seine glatte Schale. Und sie hatte das Gefühl, dass sie lächelte.
Ihre Hand wurde warm. Und immer wärmer. Mit jedem Atemzug. Wurde heiß. Der Apfel begann zu dampfen. Ein Geruch von verbranntem Fleisch stieg in ihre Nase. Sie drehte die Hand. Ließ ihn fallen. Wie in Zeitlupe. Er fiel. Und fiel. Schlug auf dem Gras auf und zerplatze wie eine Christbaumkugel in alle Einzelteile.

Er stieg ins Auto. Es war kühl. Es war dunkel. Und er müde. Der Wagen startete problemlos. Das Radio spielte leise Chopin. Seine Augen waren schwer. Er reihte sich in den Verkehr ein und ließ sich treiben. Zwei Plüschwürfel tanzten am Rückspiegel. Das Klackern des Blinkers beim Spurwechsel. Tack tack - tack tack - tack tack … Es war noch einiges los auf den Straßen Die Heizung kam schnell. Er drehte sie runter. Auf dem Beifahrersitz lag eine Schachtel Zigaretten. Er zündete sich eine an. Nahm einen kräftigen Zug. Ließ den Rauch aus der Nase laufen. Zog nach. An der nächsten Abzweigung fuhr er auf die Landstraße. Der Mond war voll. Wurde aber immer wieder von Wolken zerschnitten. Das Radio spielte Mozart. Bäume schossen am Fenster vorbei. Ein Wildwechselschild sprach von 3,8 km. Er drückte die Zigarette aus. Steckte eine neue an. Er rauchte nur im Wagen.
Das SMS-Signal piepste durch sein Jackett. Er nahm die Zigarette in den Mund und seine Hand tastete sich in die Innentasche des Jacketts. Griff das Handy, zog es raus und löste die Tastensperre. „Eine neue Nachricht.“ Er öffnete sie und las. „Ich dich auch“ Ein Lächeln ging über die Buchstaben. Las sie noch einmal. Wie in Zeitlupe. Mit dem Lächeln legte er das Handy auf den Beifahrersitz. Schaute wieder nach vorne und wurde vom Gegenverkehr stark geblendet.


© Ulrich P. Hinz

25.3.10 12:53, kommentieren

Ich habe auf

***
Ich habe auf
Wunder gewartet
Und Träume
Bekommen

Die Nächte blieben
Von blauen Rosen
Abgesehen ein
Ideal

Und Grab zu
Grab zieht
Unser Schritt

Verrosten meine
Tage ungezählt
Im Nichts

Und Wunder
Bleibt ein
Wort


© Ulrich P. Hinz

1 Kommentar 25.2.10 14:27, kommentieren

Bedingungsloses Grundeinkommen

Hier eine sehr gute 11-teilige Doku zum Thema "Bedingungsloses Grundeinkommen".

Hätte die SPD seinerzeit daran gedacht, anstatt die Agenda 2010 auf den Weg zu bringen, es würde ihr heute besser gehen ... ;-) Und nicht nur ihr ...

Bedingungsloses Grundeinkommen 1/11

Trailer:

4.2.10 14:49, kommentieren

Ruhm und Ehre ... ;-)

8.1.10 23:24, kommentieren

Halbwertszeit Traum

***
Vergangene Hoffnung. Neu erschlossen. Wie ein altes, brachliegendes Gewerbegebiet. Die eingeschlagenen Fenster einer erstickten Fabrikhalle. Kurz vor dem Aufsetzen einzelner verspielter Sonnenstrahlen. Die in ihrer Kindlichkeit kaum mehr als eine gewollte Illusion von Natur behaupten. Überall äußerlich tummeln sich Jungpflanzen. Aber das Verspeisen eines Gebäudes dauert. Ähnlich einem gesunkenem Schiff. Dem, obwohl es zeitnah mit dem Meer verwächst, doch immer etwas Unnatürliches anhaftet. Ein Makel, der bleibt. Wie ein Stigma, oder ein Tattoo. Bestenfalls eine Wunde, die zwar verheilt und trotzdem Narben hinterlässt.
Du treibst dich rum in diesen Hallen. Jedes mal wenn du träumst. Oder frisch verliebt bist. Und es ist schon ein seltsames Gefühl, wenn du nebenbei bemerkst, dass die Freiheit lediglich aus Trümmern besteht. Und dein Lachen darüber findet man oft in den Gesichtern Erhängter. Der Versuch, nach den Sonnenstrahlen zu greifen, läuft nicht immer ins Leere. Ein gelber Löwenzahn klaut deinen Blick. Einvernehmlichkeit im Grenzbereich. Der Schotter unter den Schuhen knirscht wie Butterbrotpapier. Von überall tasten sich Geräusche vor. Und plötzlich steht ein Gesicht am Fenster über dir. Ist aber schon wieder verschwunden. Du erinnerst dich an alte Zeiten. Ein Gefühl, wie ein alter Freund, den du lange nicht gesehen hast. Und es ist gleich so, als hätte man sich nie aus den Augen verloren. Das Fenster hat keine Scheibe. Nur noch ein paar Restsplitter. Der Raum dahinter liegt im Dämmer.

Deine Kindheit ist lange her. Die Bilder haben zwar an Farbe verloren, sind aber noch überall in dir verteilt. Brechen immer wieder auf. Wie eine Wunde, die niemals gänzlich verheilt. Das Sickern des Blutes hält dich anfänglich warm. Du übergibst dich, und der Geruch mischt sich mit dem Gelb des Löwenzahns. Vornübergebeugt beatmest du das stilllebengleiche Endprodukt. Die Reste am Mund werden in den Ärmel geschmiert. Und du schüttelst den Kopf. Wie ein Hund, der gerade aus dem Fluss gestiegen ist und sich das Wasser aus dem Fell schüttelt. Dann geht ein Lächeln durch dich. Und den sauren Geschmack spuckst du einfach aus.

Im Dunkelrot der Backsteine strahlt eine tiefe Geborgenheit. Selbst die angegrünten Jahre haben das nicht ganz herausbekommen. Eine Halbwertszeit, die sich nicht berechnen lässt. Ein Waschprogramm, das versagen muss. Und keine Waschmittelreklame kann so groß lügen. Weltweit. Und mit diesem herrlichen Gefühl gehst du weiter. Da vorn liegt der Eingang. Ein paar Dohlen treiben sich hier rum. Fluchtzugeständnisse werden gemacht. Kurzfristig. Für die Übergangszeit. Und dann gehst du rein. Und es ist anders, als du es erwartet hast. Überall auf dem Boden liegen Scherben. Das hattest du erwartet. Aber es hängen Bilder an den Wänden. Fotos, die dir seltsam vertraut scheinen. Gemaltes, das dich an Van Gogh erinnert. Und Menschen ziehen hier durch. Sie rauchen. Halten Weingläser an ihre Münder. Sprechen leise. Manche lauter. Aber du verstehst den Sinn der Worte nicht. Verlierst dich in den Schatten der Bilder, die keinen Wahrheitswert beanspruchen. Von irgendwo spielt ein Klavier. Und das verstehst du. Der Sinn ist dir klar. Und das Gemälde, vor dem du stehst, ist ein Selbstportrait. Die feinen Züge eines jungen Menschen. Du könntest es sein. Aber das Klavier zieht dich fort. In einen Raum mit einer Bar. Sie ist verlassen, verstaubt und trotzdem versorgt. Und plötzlich steht das Gesicht vor dir. Das Fenstergesicht. Es ist blass. Ernst. Und bevor du erkennst, wieder verschwunden. Hier sind keine Fenster. Nur drei Kerzen, die flackerndes Schattengewebe spinnen. Auf der Theke steht ein Glas mit geschnittenen Zitronen. Du nimmst eine Scheibe und beißt hinein. Durch das Zusammenziehen des Mundes hast du eine Ahnung, was es bedeuten würde, jetzt sterblich zu sein. Und allmählich beginnt es zu schneien. Du streckst die Zunge raus und sammelst ein paar Schneeflocken. Ihr Schmelzen hinterlässt ein leichtes Kribbeln in deinem Gehirn. Der Schnee bleibt liegen. Und deine Schritte beginnen, winterlich zu klingen. Aus deinem Mund kommt Rauch.
In einer großen Halle sitzen Tauben auf den Fenstersimsen In einer Ecke steht eine Schaufensterpuppe. Sie hat eine Zigarette in der Hand und schaut zur Decke. Du folgst ihrem Blick. Ein Lichtspiel wie aus den 20er Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Schattenwesen einer anderen Zeit. Die Puppe ist nackt. Du hast dich auf einen Stuhl gesetzt und wartest still auf Veränderung. Aus reiner Gewohnheit.

Das Klavier hat aufgehört. Aber das bemerkst du erst jetzt. Deine Schuhe sind kalt. Und mit der Kälte kommt eine Müdigkeit. Sie zieht in dich ein, wie in eine Wohnung, in der man schon einmal gewohnt hat. Die Farben sind anders. Aber irgendwie wirkt es vertraut. Und dennoch fremd. Und du weißt, es wird dauern, bis es wieder so ist, wie es war. Wenn überhaupt. Der Weg nach draußen fällt schwer. Das Licht wird schwächer. Du bist allein. Am Eingang hängt ein leerer Bilderrahmen. Du gehst auf ihn zu. Er sieht dich kommen. Du siehst dich kommen. Deine Schritte nehmen noch einmal an Geschwindigkeit zu. Ihr Klang wird dir fremd. Das macht nichts mehr aus. Und plötzlich stehst du davor. Und darin steht das Fenstergesicht. Es ist blass. Aber ihr lächelt.

© Ulrich P. Hinz

8.1.10 12:36, kommentieren

Viva la demokratie ...

18.12.09 15:09, kommentieren

"Ich höre sie rufen"

1 Kommentar 30.11.09 16:41, kommentieren

Das neue Buch entsteht hier:

Das neue Buch von Ulrich P. Hinz

20.11.09 12:43, kommentieren

24000

***
Irgendwo über dem Regenbogen. Sagt ein Lied. Wir kennen die Bedeutung dieser Worte nicht. Aber es bleibt ein Funken Erinnerung. Die Einsamkeit mit der wir in den Tod gehen, lässt sich auch mit noch so vielen Ersatzspielern niemals ganz entkräften. Die Bedeutung dieser Worte verstehen wir erst, wenn es akut wird. Wenn das Brennen in den Augen nicht mehr aufhört. Wenn das Heben einer Hand zum fast unüberwindbaren Versuch wird. Und einige unter uns lächeln darüber. Das sind die wirklich Glücklichen. Doch den meisten stehen Tränen in den Augen.
Ich sehe aus dem Fenster. Über der Stadt, die noch im Dunkeln liegt, beginnen die Autos ihren Tag. Die Lichter strömen und es erinnert, wenn man es im Zeitraffer betrachtet, an einen Blutkreislauf. Und die Ampel, die auf Rot springt, ein Arzt könnte ihre Funktion bestimmt erklären. Es sind schon eine Menge Autos, für diese frühe Stunde. Und solange die Gesellschaft noch einigermaßen funktioniert, wird das so bleiben. Und bei diesem Blick aus dem Fenster wird mir klar, dass es bei all den vorbeirauschenden Lichtern keine Menschen gibt. Zumindest bis der Himmel aus dem Schwarz heraus fällt. Die Entfernung ist einfach zu groß. Aber das Land beginnt allmählich nach Kaffee zu duften.

Im Fernsehen haben sie neulich wieder gesagt, dass täglich 24000 Menschen verhungern. Täglich. Was für ein seltsames Wort. 24000 Tage. Das sind gut 67 Jahre. Ein durchschnittliches Menschleben. Das neue Rentenzeitalter. Eine geschickte Propagandaparole der modernen Zeit. Meinem Blick fällt es schwer, sich an die frühe Autostunde zu gewöhnen. Aber das scheint normal. Denn eine Gewöhnung kann nicht einsetzen. Jedes mal, wenn man denkt, jetzt ist es so weit, wird es hell und alles ist wieder anders. Und die Unsicherheit der Nacht wird mir schlagartig bewusst. Doch damit nicht genug. Denn am Abend, wenn man wieder glaubt, jetzt aber, beginnt es von vorn.
Wie konnte ich nur vergessen, dass Menschen in diesen Autos sitzen. Nur weil ich sie nicht sehe, heißt das nicht, dass sie nicht da sind. Und ich stelle mir das Innere eines Autos vor. Wie jemand das Lenkrad hält. Jemand, der mit einem Kaffeeatem und beleuchtetem Tacho vielleicht an den kommenden Tag denkt. Oder an den Streit, kurz vor dem Verlassen seiner Höhle. Oder an das seltsame Geräusch, das der Wagen macht. Und das nicht normal klingt. Viele telefonieren auch schon. Die ersten Krankenwagen sind unterwegs. Selbst die Kinder müssen los. Hab ich der Frau gesagt, dass ich sie liebe? Die Autos sind sicherer geworden. In den letzten 24000 Tagen.
Das Statistische Bundesamt gibt bekannt: „Im Jahr 2008 wurden in Deutschland nach vorläufigen Ergebnissen 4467 Menschen im Straßenverkehr getötet. Wie das Statistische Bundesamt (Destatis) weiter mitteilt, gab es seit 1950, dem Jahr, für das erstmals seit dem zweiten Weltkrieg wieder Zahlen vorlagen, noch nie so wenig Verkehrstote.“
Seit dem zweiten Weltkrieg. Was für ein seltsamer Satz. 4467 Menschen. In einem Jahr. Noch dazu im Jahr der großen Krise. Mittlerweile ist es hell geworden. Der Himmel trägt ein zartes Babyblau mit einem leichten Rotstich darin. Die Bäume haben keine Blätter mehr. Was in einem bevorstehenden Winter aber nicht unnormal wirkt. Das Schicksal legen wir in die Hände der Städtischen Ampelführung. Die rosa Wolken lassen mich kurzzeitig vergessen. Aber die Farben bleiben nicht konstant. Anders, als die Waschmittelreklame verspricht. Wir wollen ja daran glauben. Auf dem Ast sitzt eine Taube. Sie sieht mich an. Ihren Kopf dreht sie dabei hin und her. Und ist auch schon verschwunden. Die Dohlen fliegen. Ihr Rufen liegt im Wettstreit mit den Motoren. Ich halte den Atem an. Aber nur kurz. Im Herauspressen der Luft liegt ein leichtes Schwindelgefühl. Dass sich trotzdem ein Lächeln einstellt, halte ich für unbedenklich. Unbedenklich. Was für ein seltsames Wort. Früher habe ich mehr über Worte nachgedacht. Heute benutze ich sie bloß noch. Die Ironie darin ist offensichtlich. Noch so ein Wort. Draußen sind jetzt Menschen. Man sieht sie deutlich. Einer geht mit dem Hund spazieren. Der beste Freund des Menschen. Ich mag Katzen lieber. Die rosa Wolken sind verschwunden. Ein leichter Wind schaukelt die Bäume. In den letzen Tagen hat es immer wieder geregnet. Aber momentan ist es trocken. Einer der Bäume trägt noch ein paar Restblätter. So wie ich noch ein paar Resterinnerungen an die Nacht trage.

Bevor ich mich dem Tag und der Städtischen Ampelführung anheimgebe, muss noch ein Kaffee getrunken werden. Widerstandslos durchläuft er die Maschine. Ein Geräusch, von dem ich nie genug bekommen kann. Das Ganze würde einen fürchterlich anderen Sinn ergeben, wäre ich Teetrinker. Aber natürlich bleibt das Spekulation. Und ich frage mich ernsthaft, ob mein Leben als Teetrinker anders verlaufen wäre. Den Umständen entsprechend sitze ich hier. Erfülle das Klischee aus Sprache und Existenz. Glaube an die Werbung und verpfusche die Kultur. Das zermarterte Gehirn spricht mich oberflächlich frei, was die Zahl 24000 betrifft. Mittlerweile hocken drei Tauben in den Bäumen. Sie wirken gelangweilt. Ein Postbote fährt mit dem Fahrrad vorbei. Und ich beginne daran zu denken, dass ich mir gleich die Zähne putzen werde. Obwohl ich gar kein Auto habe.

© Ulrich P. Hinz

19.11.09 12:49, kommentieren

?

Er fraß die Einsamkeit in sich rein. Wie ein gutes Fünf-Gänge-Menü. Still. Wie still es doch ist. Wir haben die Not erfunden. Bei Wasser und Brot. Heute wieder ein angemessenes Gericht. Den Umständen entsprechend geht’s uns besser. In seinem Gehirn stand es klar. Die Unabwendbarkeit des eigenen Verfalls. Auf morgen verschoben. In der Einfachheit einer schlicht ummantelten Degenerationsphase. Bis in die Zehenspitzen verwurzelt. Er schaute auf das Messer. Im fettigen Glanz einer verblichenen Mystik. Der Atem zog schwer durch die Nase. Die leicht entflammbare Netzhaut spiegelte wider. Ein Regenbogenblick brach mit Konventionen längst vergessener Traumekstasen. Der absolute Nullpunkt liegt unter endlichen Lächerlichkeiten tief sitzender Wiederholungsmuster behütet. Er hob den Kopf. Durch die kaum wahrnehmbare, einer aus lebenslänglichen Schockzertrümmerung herausgearbeiteten Sinnlosigkeit zwischen diversen Atemzügen, hin zum Inderweltsein und darüber hinaus. Mit dem Gespür der verdrängten Luft, die dabei entstand, dem Geruch, der die hart arbeitende Nase wie ein Hammerschlag inwendig traf, schob er die Pupillen bis an die Schmerzgrenze nach oben. Das dann immer wieder aufs Neue einsetzende Schwindelgefühl brauchte er. Dringender als das Gefühl, noch da zu sein. Als Kind hatten sie ihm gesagt, die Augen könnten irgendwann so stehen bleiben. Die Erde dreht heut langsamer. Im Herauswürgen blasser Erinnerungen, die in einem weichen Brei aus Wasser und Brot zum Himmel stinken. Seltsam, wie zufällig geformte Fußbetten sich in einem rauschähnlichen Urton auf dem Küchentisch einen Weg bahnen und dort ein höllisches Zeugnis einer an Wahnsinn grenzenden Vorstadtidylle abzugeben. Bis ins kleinste Detail zieht jeder einzelne Bissen der nackten Existenz, ausgebreitet in eine kaum wieder erkennbare Zukunftsperspektive sämtliche Schatten aus der Vergangenheit, um mit säuerlich gesättigtem Wohlgefühl einen Platz des himmlischen Friedens zu simulieren. Und er weiß darüber Bescheid. Weiß, dass im großen Trugschluss der aus Abfallbeseitigungsunternehmen und abendländischer Unkultur einhergehender Exaktheit bestehenden Geschäftsmodelle nichts mehr zu holen ist.

Das alte auf und ab des temporären Herzmuskelspiels wie eine tickende Zeitbombe in die Evolution geschickt, dringt an die Ohrmuschel und droht das Überlaufventil bis an die Nulllinie zu belasten. Durch die Heiserkeit seiner Atemzüge wirft die noch gegenwärtige Neonbeleuchtung kaum mehr als eine Frage auf. Selbst in der kaleidoskopnahen Lichtbrechung der zum Abschuss freigegebenen Restblicke wirken jahrmarktsähnliche Karussellillusionen nur oberflächlich. Wenn auch nachhaltig. Und im Sinken des Kopfes auf das göttliche Federbett, begleitet von engelschorgleichem Luftgesang läuft Elvis im Hintergrund. Als Kind hatten sie ihm gesagt, Schläge auf den Hinterkopf erhöhen das Denkvermögen. Über die Stirn sagten sie nichts. Eine Fliege krabbelte den reich gedeckten Tisch entlang. Und die Sonne leuchtet violett.


© Ulrich P. Hinz

(Sorry, dieser Text entstand, als ich nicht schlafen konnte. No panic, i'm fine ;-)

14.11.09 11:17, kommentieren

Zwischen Rausch und Sprache

***
Schlafen wollen. Diese einsame Verbindung zwischen Mythos und Kultur. Bis tief in die kleinsten Lächerlichkeiten, die eine Messerspitze Wind dem denkenden Individuum ohne Luftröhrenschnitt rauszukitzeln in der Lage ist, einzudringen. Am Ende einer langen Sichtperiode. Gezeichnet durch ein seltsam grenzenloses Vertrauen in die eigene Vergänglichkeit ohne Angabe von Gründen durch das Hineingleiten in die große Verwunderung über die Absurdität einer nicht enden wollenden und immer wiederkehrenden Atemstillstandsneutralität. Sollbruchstelle der Zeit. Zwischen Rausch und Sprache schießen die neuronalen Schockzustände einzelner Gehirnzellen widerstandslos in kreiselförmigen Untergangsprojektionen aus der Daseinserklärung, um mit der Erektion am offenen Herzen die unbefleckte Empfängnis zu beschleunigen.

Ich liege wach. Liege hier und denke an dich. Deine Stimme im Ohr. Dein Lachen wie ein Vibrationsalarm in meinem Gehirn. Bei der Erinnerung an den Duft deiner Brüste. Das Zucken in der Schwanzspitze. Die Liebe mit Göttern duldet keine normativen Frivolitäten. Ob wir glücklich waren, will ich wissen. Aber du bist weit darüber hinaus, dir solche Fragen auch nur ansatzweise noch zu stellen. Ein Vogel braucht seine Freiheit. Die Eigenwilligkeit der Katzen kennt keine Namen. All deine Erklärungsversuche billige Klischees. Und ich muss daran glauben.

Dämmerzustand. In der Ernüchterungsphase, die wirkungslos verschleichende Schlaftabletten hinterlassen, zeigt das Dunkel ein anderes Gesicht. Unzählige Lichtmoleküle, die möglicherweise aus der Erinnerung stammen, zertanzen die Nacht. Sind selbst bei geschlossenen Augen nicht wegzudenken. Versagen die Orientierung und legen mich fremd. Bei dem Versuch, danach zu greifen, sehe ich lediglich das Eintauchen meiner Hand. Mit dem Gefühl, unter Wasser zu sein. Dem Empfinden, ein anderer zu sein. Und plötzlich, in einem kaum spürbaren Moment erkenne ich bei dem Blick auf diese Hand das verdrängte Nichts. Die Quintessenz. Für den Bruchteil eines Lidschlages. In Ermangelung besseren Wissens. Aber aus guten Gründen. Und mit der Überzeugung, die ein Don Quijote in sich trägt. „All hail, Macbeth, hail to thee, thane of Cawdor!“ Deinem Shakespeare zum Trotz singe ich ein Heureka in die sterbende Nacht. When shall we two meet again …? Nevermore. Nevermore. Nevermore. Der Rabe hat gesprochen. Und die Angst vor dem Verrücktwerden weicht dem Verrücktwerden aus einer bewussten Entscheidung.

Ich hab dich verlassen. Heut Nacht. Und vielleicht hast du das kommen gesehen. Als du mir sagtest, du hörst nur noch die Stille zwischen den Herzschlägen, wenn dein Ohr auf meiner Brust liegt. Der Wecker wird gleich klingeln. Ich werde Kaffee machen. Werde am Tisch sitzen und hoffen, dass der Kaffee das Glasige aus meinem Blick vertreibt. Zum Metzger werde ich gehen und belegte Brötchen kaufen. Die esse ich dann auf dem Weg zur Arbeit. Und höre Musik dabei. Danach rauche ich eine Zigarette. Und bei der Arbeit werde ich mir nichts anmerken lassen. Das Ganze steht ja erst am Beginn. Mein Lachen wird falsch sein. Aber ich werde der einzige sein, der das weiß. Regen ist heute nicht angesagt. Die Kriege sind gut verteilt. In Deutschland lernt man wieder, was es heißt, hungrig zu sein. Aber Deutschland ist mir zu klein.

Schlafen können. Die glasige Nachgeburt eines gescheiterten Lächelns. Bevor die reine Verbindung aus Chemie und Physik die belanglosen Grenzen der eigenen Ichbezogenheit in die schwitzenden Untiefen eines architektonisch meisterhaft durchgeplanten nackten Fleischkomplexes entlässt. Schlafen können. Im ständigen Drehen und Wenden wie die Wurst auf dem Grill, um den löchrig gewordenen Mantel der Vergangenheit, die erschütternden Reste eines gebrauchten Ichs für den anstehenden Tag zu flicken. Schlafen. Der Einbruch in ein gut gesichertes Regelwerk, dessen einziger Sinn in der bloßen Auflösung seiner selbst unter der Berücksichtigung einer zweckentfremdeten Normalitätsillusion verborgen liegt. Schlafen. Die Anschauungsformen von Raum und Zeit, wie sie bei Kant bis an die Schwelle des Ertragbaren in einem ejakulativen Ausscheidungsprozess zum Erbrechen reizen, durch die Hintertüre zu verlassen, um dann das Theater der großen Ionesco durch den Haupteingang zu betreten.

Schla… Im Herauswürgen der versteinerten Sprachdenkmäler, die uns in ihrer Sinnlosigkeit eigentlich von den Affen unterscheiden sollten, bleiben wir im dilettantischen Stadium vorzeitlicher Jäger und Sammler stecken, ohne zu erkennen, dass die Zerstörung der Welt darin ihren Ursprung trägt. Schla… Bis zum bersten bewaffnet mit egomanischer Selbstverstümmlung werden wir doch genötigt, unser provisorisches Konstrukt einer auf Sandburgen basierenden Schulweisheit am Empfang abzugeben. Sch… Ich. - Du. - Wir. - Es. - Sch… ich … i … sch.

© Ulrich P. Hinz

22.10.09 16:56, kommentieren

Homepage zum neuen Buch

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Liebe Freunde,

das neue Buch, an dem ich arbeite, hat nun eine eigene Homepage bekommen. So kann man die Entstehung des Buches
online mitverfolgen. Auch versuche ich, die Geschichten auf
Video einzulesen.

Hier der Link zur Page: http://home.arcor.de/kurzprosa-hinz/Neues Buch

Ich wünsche viel Freude mit den Texten.

Ulrich P. Hinz

8.10.09 10:54, kommentieren

Bis auf den letzten Vers

(Im Chor des Pythagoras)
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Er atmete schwer. Durch das Fenster kam schwaches Licht. Aus der neuen Welt lief. Übertönte den Straßenlärm. In seiner Nase ein Sauerstoffschlauch. Gestern war der Priester da. Er wollte das nicht. Die Krankenschwester hatte ihn geholt. Wenn die Medizin mit ihrem Latein am Ende ist, bleibt die Kirche. Wehren konnte er sich nicht. Die letzte Ölung hielt er für Quatsch. Wie den ganzen übrigen Hokuspokus. Hoc est enim corpus meum. Zaubershow seit jeher. Sein Leib war am verfaulen. Und so roch er auch. Durchgelegen und im Höllenfeuer. Bei vollem Bewusstsein. Sprache nur noch im Denken. Eingeschränkt durch Morphium. Je nach Tageszeit. Je nach Dosis. Das Nichts in den Startlöchern. Die Zielgerade im Visier. Er auf der Bühne. Im Blick der Scheinwerfer.

Epilog:

Ob es sich gelohnt hat. Wollt ihr wissen. Nun, es hält sich die Waage. Und ich weiß nicht, ob gut oder schlecht. Zu viel gelitten. Zu wenig geliebt. An Zwängen erstickt. Zur Freiheit berufen. Ertrunken im Überfluss der Talente. Verdorben vom ersten Licht. Der Versuchung erlegen. Körper und Geist im Widerspruch. Rausch der Sinne ohne Gewähr. Hier steh ich. Und darf nicht anders. Das Elend der Welt. Durch mich nicht gelindert. Die Hoffnung - ein Janusgesicht. Der letzte Brief. Ich habe ihn nicht geschrieben. Verstümmeltes Selbst schon vom Beginn. Gestartet um lediglich unterzugehen. Dazwischen ein Leben. Ihr Götter und Richter. Steht auf mit mir. Und feiert die Stunde. Wir zählen sie runter. Bis auf den letzten Vers. Im Chor des Pythagoras. Verbunden mit allem. Was bleibt. Verloren im haltlosen Fall. Der Rest ist nicht einmal Schweigen. Ihr Götter solltet das wissen. Uns bleibt nur die Angst.

Die Schwester war hereingekommen. Zog eine Spritze auf. Dvorak war fertig. Sie prüfte und drückte es ganz in ihn rein. Dann ging sie zur Anlage und wechselte die CD. Peer Gynt. Morgenstimmung lief an. Sie zog die Tür hinter sich zu.

Epilog:

Jesus, mein Freund. Du weißt, dass ich dich liebe. Obwohl ich nicht an dich glaube. So liebe ich doch deine Philosophie. Auch oder gerade deshalb, weil es Philosophie der Schwachen ist. Nur wird die Welt leider nicht von den Schwachen regiert. Die Evolutionstheorie kennt man zwar. Reduziert sie jedoch darauf, das Leben zu erklären, von den Anfängen bist jetzt. Survival of the fittest. Dass wir die Möglichkeit, ja gottverdammte Pflicht haben, sie hinter uns zu lassen, vergisst man. Jesus, mein Freund. Das hast du gewusst. Und darin liegt dein Heil - für mich. Denn das ist mein Glaube. Mein tiefe Überzeugung. Um mit Leibnitz zu sprechen, leben wir tatsächlich in der besten aller möglichen Welten. Nur vergessen wir das. Oder sagen wir, es wird viel unternommen, um uns vergessen zu lassen.

Die Tür ging auf. In der Halle der Bergkönigs. Die Nachtschwester kam herein. Prüfte den Tropf. Zog seine Decke hoch. Setzte sich auf den Stuhl neben das Bett und begann zu lesen. Peer Gynt im Raum verteilt. In den vier Ecken die Apokalyptischen Reiter.

Epilog:

Der Tod, meine Freunde. Für jemanden wie mich, der das Leben seit jeher vom Ende aus betrachtet hat, war er allgegenwärtig. Nicht ein Tag in den letzten Jahrzehnten, nicht einen einzigen Tag hat es gegeben, an dem ich nicht an ihn dachte. Am Wissen um die Sterblichkeit bin ich letztendlich zugrunde gegangen. Mein Leben lang. Und nun stehe ich hier auf dieser Bühne. Und ihr wollt einen großen Gesang. Wollt wenigstens im letzten Akt einen Helden. Wie jämmerlich muss ich sein, euch das zu versagen. Aber ihr, meine Freunde, ihr, die alles von mir wisst, lückenlos und ohne Vorbehalt, euch kann das nicht wirklich verwundern. Enttäuschen vielleicht. Doch diejenigen unter euch, die weiter sehen, nicht einmal das. Darin lag der Sinn meiner Existenz. Dafür wurde ich geboren. Willenlos in die Welt gepflanzt. Und jede Pflanze kann nur so gut gedeihen, wie ihr Gärtner sie lässt. Der Rest ist Kampf. Und ein Kämpfer war ich nie. Selbst jetzt, am Ende meiner Zeit.

Noch seid ihr da, meine Freunde. Noch stehe ich hier auf Shakespeares Brettern. Noch spielt der Grieg. - Doch ich fühle das Nichts. Wie es mit großen Schleiern über mich kommt. Meiner dunklen Vermutung zum Trotz. Unaufhaltsam. Gewaltig. - Tröstlich. Denn wenn Nichts bleibt, kann nichts fehlen. Und wo nichts fehlt, ist Paradies. Ihr seht meine Freunde, nicht einmal für eine große Philosophie hat es gereicht. Nichts, was nicht schon gedacht wurde. Vor und nach meiner Zeit. Ob es sich gelohnt hat. Wollt ihr wissen. Nun, ich überlasse das Urteil euch.

Peer Gynt war zu Ende. Die Schwester legte das Buch zur Seite und fühlte seine Stirn. Der Atem rasselte schwach. Sie ging in die Küche und machte einen Kaffee. Die Küche war klein. Wenigstens stirbt er zu Hause. Dachte sie. Der Kalender an der Wand lag einen Monat zurück. Als sie wieder in das Zimmer kam, fühlte sie noch seinen Puls. Dann legte sie eine neue CD auf. Richard Strauss. Nahm ihr Buch und setzte sich. Aus der Ferne begannen, die Fanfaren zu rufen. „Also sprach Zarathustra“


© Ulrich P. Hinz

30.9.09 19:39, kommentieren

Das Kratzen an der Haut

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Es war 10 Jahre her. Sein Spiegelbild wusste das. Die diplomatischen Beziehungen waren angespannt. Bei jeder Rasur. Nass, mit Billigklingen. Das Kratzen an der Haut. Gegen den Strich. Jeden Morgen. Zwanghaft. Er kam zum Schluss. Wischte mit einem Handtuch den restlichen Schaum aus dem Gesicht. Nahm das Old Spice, von dem sie immer gesagt hatte, es würde ihn nach Lebkuchen riechen lassen. Klatschte es auf die gereizte Haut und zog die Nase hoch.
Auf dem Küchentisch stand die Tasse Kaffee. Halbvoll und lauwarm. Er leerte sie mit einem Schluck. Der Spice-Duft war stärker als der Geschmack. Die Hölle liegt näher als der Himmel. Dachte er, stieg in den Mantel und verließ die Wohnung.

Ein diesiger Tag. Gestern gab’s hier noch Sonne. Die Bürgersteige waren leer. Nach dem Ausschwärmen der Früharbeiter, Schulkinder und so. Er hatte Zeit. Lief in Richtung Innenstadt. Ein alter Mann fegte Laub. War ganz in die Arbeit vertieft. Hatte was Buddhistisches. Typisch Deutsch. Er kam zum Spielplatz. Ein paar Mütter saßen auf den Bänken. Die Kinder im Sandkasten. Ein Geschrei an der Rutsche. Vielleicht die schönste Zeit des Lebens. Vielleicht auch nicht. 10 Jahre sind eine lange Zeit. Egal in welchem Alter. Solange sie vor einem liegen. Hinterher ist man schlauer. Auf der anderen Straßenseite lag die Stadtbäckerei. Er steuerte sie an. Die junge Bedienung war sehr freundlich. Kein schönes Mädchen. Ohne jegliches Potential auf Linderung. Dabei herzensgut. Er bestellte ein Frühstück. (Donnerstag, 24. September 2009) Setzte sich. Runder Stehtisch mit Stuhl. Die Auslage sah wie eine riesige Schatztruhe aus. Durchsichtig. Bis zum Bersten gefüllt. Das Mädchen stellte einen Teller auf die Theke. „Der Kaffee kommt sofort.“ Er stand auf und nahm den Teller. „Danke.“ Zwei halbe Brötchen mit Mett. Ohne Zwiebeln, mit Salz und Pfeffer. „Den Kaffee bringe ich ihnen gleich.“ Er versuchte, zu lächeln. „Vielen Dank.“ Die Eingangsfront bestand komplett aus Glas. Fensterplatz mit Blick auf die Straße. Besser als Kino. Das Mädchen servierte. „So, einmal der Kaffee. Bitte schön.“ „Danke sehr.“ Der Laden war nicht sehr groß. Eine alte Frau kam herein. „Morgen.“ „Ein Normales und ein Croissant bitte.“ „Gerne.“ Das knisternde Geräusch der Tüte beim Einpacken. „1,30 € Bitte.“ Die Frau kramte in ihrem Portemonnaie. „Ich glaub, ich hab es passend.“ Sie gab es dem Mädchen in die Hand. „Vielen Dank und einen schönen Tag wünsche ich Ihnen.“ „Danke. Ihnen auch. Auf Wiedersehen.“ „Wiedersehen.“ Der Ofen fing an zu piepsen. Sie öffnete ihn und nahm ein Blech mit Brötchen raus. Kippte sie in die Schatztruhe. Er nippte an seinem Kaffee. Immer mehr Laufkundschaft kam jetzt rein. Das Mädchen war allein. Hatte aber die Ruhe weg.

Das Gedankenkarussell fing wieder an, sich zu drehen. Sie war in der Stadt. Wollte ihn sehen. Die zittrigen Knie als ihr Anruf kam. Er wollte nicht. Ließ sich dann doch überreden. Ein Treffen im Steakhaus. Ganz unverbindlich. Bei einem guten Essen. Er biss in das Brötchen und ärgerte sich. Ein Hitzeschub. Er nahm noch einen Bissen und warf das Brötchen zurück auf den Teller. Der Schluck Kaffee zum Runterspülen. Eine junge Mutter mit Kinderwagen kam herein. Sie schien das Thekenmädchen zu kennen. „Ach ist der süß. Wie alt ist er jetzt?“ „Nächsten Monat wird er Zwei.“ Johannes hieß der Kleine und bekam ein Rosinenbrötchen. Kurzer Plausch, dann waren sie wieder verschwunden. Sein Teller war leer. Er bestellte noch einen Kaffee. Sah auf die Uhr. Kurz nach 12. Der Termin war um Eins. Für die Tasse wird’s noch reichen. Ein Jammer, dass man hier nicht rauchen darf. Der Laden füllte sich. Wurde lauter. Eine weitere Bedienung war eingetroffen. Bereitete die Mittagsgerichte vor. Er schaute auf die Speisekarte. Heute: Cordon bleu mit Erbsen, Möhren und Bratkartoffeln. 6,80 €. Er stand auf. Bezahlte und verließ den Laden. Steckte sich eine Zigarette an. Ging in Richtung Steakhaus. Kurz vor Eins. Der Versuch, langsam zu gehen, fiel schwer. Von jedem Schaufenster ließ er sich anziehen. Haushaltsgeräte. Der neueste Küchenzauber. Ein Bioreformhaus. Mit Apothekerpreisen. Die Sonne zeigte sich. Wenn auch nur schwach. Er setzte sich auf die Bank einer Bushaltestelle. Zündete noch eine Zigarette an. Die nächste Ecke das Steakhaus. Die Uhr zeigte fünf nach Eins. Er schnippte die Zigarette auf die Straße und zog sich hoch.

Auf der anderen Seite lag das Restaurant. Mit großen Fenstern. Er schlich von der Seite heran. Lugte vorsichtig durch ein Fenster. Sah sie sitzen. War überwältigt von ihrer Schönheit. Immer noch. Nach all dieser Zeit. Er drehte den Rücken an die Wand. Die Hand auf dem Fensterrahmen. Sein Herz schlug doppelt. Die Knie weich. Die Luft dünner. Was für ein Irrtum. Vielleicht der größte seines Lebens. Er lief zurück an die Haltestelle. Setzte sich. Zündete eine Zigarette an. Nahm drei tiefe Züge auf einmal. Zitterte am ganzen Körper. Sah dem Rauch hinterher. 10 Jahre sind eine lange Zeit. Aber es gibt Dinge, die brauchen länger. Er stand auf und ging nach Hause. Langsam. Hochkonzentriert. Am Spielplatz vorbei. Kam an die Stelle, wo der alte Mann das Laub gefegt hatte. Der war nicht mehr da. Dafür neues Laub. Schließlich stand er vor seiner Haustür. Schloss auf. Schaute in den Briefkasten. Leer. Nicht einmal Werbung. Stieg hoch in den dritten Stock. Aus der Nachbarwohnung kam Musik. Beethovens Neunte. Ihm war mehr nach der Fünften. Der Anrufbeantworter blinkte. Er ließ ihn blinken und ging ins Bad. Lange sah er in den Spiegel. Sah die 10 Jahre. Die Augenringe und mehr. Dann nickte er und fing an, sich zu rasieren.

© Ulrich P. Hinz

25.9.09 18:19, kommentieren

Frühstück mit Thomas Bernhard

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Das Café war gut gefüllt. Rustikale Einrichtung. Ein paar Studenten treiben sich hier rum. Schwänzen Vorlesungen. Der Morgen schlich dahin. Wieder ein Tag. Er. Saß am Tisch und rührte in einer Tasse Cappuccino. Je länger der Zucker auf dem Schaum liegen bleibt umso besser der Cappuccino. Dieser war schlecht. Hinter der Tasse ein Buch. Der Zigarettenqualm hing wie Bodennebel an der Decke. Am Nachbartisch zwei Frauen. „Haste schon … “ „Is nicht wahr …“ Schnatter, schnatter. Das kleine Hühnereinmaleins. Sprechen als Sauerstoffverschwendung. Köstlich anzuhören. Überall Handys auf den Tischen. Die Kellnerin trägt zweimal Frühstück auf dem Tablett. Er nippte an dem Cappuccino, zündete eine Zigarette an. Sein Zeigefinger fuhr über den Buchdeckel. Lesen als letzte Medizin. Gegen die Bilder der Nacht. Der Duft von Eiern und Speck fuhr in seine Nase. English Breakfast für 4,20 €. Die Kellnerin trägt neben dem Tablett eine enorme Oberweite. Scheint fast wie eine Behinderung. Körperlich. Ihr Gesicht ist alt. Sie selbst nicht. „Atem“ stand auf dem Buchdeckel. Thomas Bernhard. Kein dickes Buch. Trotzdem las Er schon lange daran. Darin. Immer in Cafés. Er drückte die Zigarette aus. Nebenan kam eine SMS. Zu Tode erreichbar.
Drei Tische weiter ein Pärchen. Sehen sich verliebt an. Streicheln zärtlich ihre Wangen. Küssen. Vor jedem liegt ein Handy. Was für eine Welt. Mehr Kurzfilm. Szene für Szene. Einschlag über Einschlag. Konglomerat von Zeit. Haufenparadoxie. Beleuchter und Kabelschlampe. Scheinwerfer und Wichtigmänner. Der Regisseur über den Dingen.
Frühstück die 28ste! Kamera läuft: Die Kellnerin stemmt ihre Überbrüste zurück hinter die Theke. Die Cappuccinomaschine faucht. Ein gutaussehender Kellner schäumt Milch auf. Macht ein gelangweiltes Gesicht dabei. Cut.
Er war auf Seite 62, als ein junger Kerl an seinen Stuhl rempelte. „T’schuldigung.“ Peinliches Grinsen. Zu viele Menschen auf zu wenig Raum. Lesen, um Angst zu verbergen. Konzentration auf die Wörter. Doch es sind bloß Buchstaben. Und es wird schlimmer. Ein Hund wuselt plötzlich um die Tische. „Rocky, hierher!“ Rocky verstand und ignorierte.
Die Kellnerin brachte ein Brötchen. „Noch einen Cappuccino?“ Er schüttelte den Kopf. Lächelte kurz. „Danke.“ Quietschend kam dieses Danke. Wie von einer Stimme, die lange nicht benutzt worden war. Die Kellnerin nickte. Er legte den Bernhard zu Seite. Ein Belegtes mit Salami. Ein schrumpeliges Salatblatt am Tellerrand. Das Brötchen frisch. Er biss hinein. Legte es auf den Teller zurück. Kaute. Nahm einen Schluck lauwarmen Cappuccino dazu. Den Rest. Schluckte. Bemerkte Rocky, der das Brötchen fixierte. Mit schräg gelegtem Kopf. Sei ein braver Hund. Geh. Rocky blieb.
Regieanweisung: Protagonist verspeist unter der fachkundigen Beobachtung eines Hundes ein Belegtes mit Salami.

Mittag stand kurz bevor. Im Bernhard zurück auf Seite 17. Blättern. Ein Gurkenglas voll Eiter. Das Liebespärchen war noch da. Beide telefonierten. Vielleicht sogar mit einander. Moderne Liebe. Er hatte wider Willen noch einen Cappuccino bestellt. Einerseits um seinen Platz zu rechtfertigen. Andererseits aus reiner Kaffeesucht.
Rocky war weitergezogen. Die zwei Schnattergänse hatten gerade bezahlt. Sie schienen zufrieden mit sich und der Welt. Ihre Gesichter bunt zugekleistert wie frisch gestrichene Altbauwohnungen. Die sieht man sonst in ganz anderen Lokalen. Dort, wo es hauptsächlich teuer ist. Und die Bedienung Charles oder Monique heißt. Ein verträumt dreinschauender Klavierspieler ist obligatorisch. Die Dame von Welt braucht das so.
Gebrauchsanweisung für “Dame von Welt“. Herzlichen Glückwunsch, dass sie sich für eine Dame von Welt entschieden haben. Bitte lesen sie alle Warnungen und Sicherheitshinweise dieser Anleitung sorgfältig durch, dann wird unser Produkt ihnen viel Freude bereiten. „Verwenden Sie das Gerät nur nach den hier gegebenen Anleitungen und für die angegebnen Zwecke. Andernfalls kann es zu Schäden am Gerät, ernsten Verletzungen oder sogar zum Tod von Personen kommen“ Allgemeine Hinweise: …
Sie stiegen in ihre Mäntel, blickten einmal gönnerhaft in die Runde und gingen.

Er versuchte sich auf den Bernhard zu konzentrieren. Das Liebespärchen zahlte gerade. Ein alter Herr mit brauner Aktentasche unter dem Arm war hereingekommen. Er ließ sich am Tisch der Schnattergänse nieder und kramte eine Zeitung aus der Tasche. Seine Augen versteckt hinter dicken Brillengläsern. Wie Fische im Aquarium. Warten auf den Tod. Der Protagonist Bernhards hat das Sterbezimmer verlassen. Autobiographischer Roman. Krankenhauselend aus einer anderen Zeit. Die Kellnerin kam an den Tisch. „Wir machen Schichtwechsel. Kann ich kassieren?“ Er blickte in ihr Gesicht. Sie hatte rote, volle Wangen. Aber kein Lächeln. Auf ihrer Nase klebten einige Sommersprossen. Er bezahlte. Für den schlechten Cappuccino war das Trinkgeld zu groß. Was kann sie schon dafür? An der Theke wird bereits Bier getrunken. Es ist gleich Eins. Eine sonnige Welt wartet da draußen. Er zündete sich noch eine Zigarette an. Lesen, um das Außen zu vergessen. Der alte Herr war ganz in seine Zeitung versunken. Die neue Schicht kam an den Tisch. Ein junger Kerl mit schwarzen Locken. „Darf ich noch etwas bringen?“ Er verneinte. Der Kerl wirkte unsympathisch. Er schlich weiter und riss den Alten aus seiner Lektüre. Der bestellt einen Tee. Er zog an seiner Zigarette. Den Bernhard hatte er zugeklappt. Das kann Jahre dauern.


© Ulrich P. Hinz

23.9.09 17:33, kommentieren